Social-Media-Verbot bis 15 JahreFrankreich wählt den falschen Weg

Das französische Parlament hat sich auf ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige geeinigt. Das wird die digitale Welt für junge Menschen nicht sicherer machen und gefährdet alle. Denn es bereitet den Weg für ein Internet, das nur noch mit Ausweiskontrolle zugänglich ist. Ein Kommentar.

  • Sebastian Meineck
Porträt von Emmanuel Macron
Schafft mit dem Verbot ein politisches Erbe: Präsident Emmanuel Macron. – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO/Political-Moments; Bearbeitung: netzpolitik.org

Am gestrigen Dienstag hat sich das französische Parlament auf einen Gesetzentwurf geeinigt, der jungen Menschen bis 15 Jahren Accounts auf sozialen Medien verbieten soll. Damit steuert Frankreich auch auf Alterskontrollen für alle zu, die notwendig wären, um die Altersgrenze durchzusetzen. Es ist zudem das erste EU-Land, das dem australischen Modell folgt.

In Kraft treten sollen die neuen Regelungen bereits nach den Sommerferien. Im Vorfeld haben Fachleute gewarnt, dass nationale Social-Media-Verbote nicht mit EU-Recht vereinbar wären, weil das Gesetz über digitale Dienste (DSA) solchen Alleingängen enge Grenzen setzt. Allerdings könnte die EU bald neue Realitäten schaffen, denn die EU-Kommission plant bis Herbst einen Vorschlag für Zugangsverbote und Altersbeschränkungen.

Auf gleich fünf Ebenen ist das französische Social-Media-Verbot falsch und schlecht.

1. Es ist falsch, weil Aussperren nicht schützt

In digitalen Räumen gehen junge Menschen ihren Bedürfnissen nach, etwa nach Spaß, Gemeinschaft, Neugier, Aufklärung oder Herausforderung. Gerade für isolierte oder marginalisierte Kinder sind soziale Medien eine „Lebensader“, schreibt etwa UNICEF. Dabei begegnen sie jedoch allerlei Gefahren – teils, weil sie aktiv danach suchen. Es ist weltfremd zu glauben, ein Verbot könnte sie davon abhalten. Selbst ein von der EU-Kommission berufenes Duo, das nach Anhörung von Expert*innen für Alterskontrollen plädiert, schreibt: Es brauche einen Wandel in gesellschaftlichen Einstellungen, weil sich Verbote umgehen lassen.

Junge Menschen in Frankreich dürften teils auf frei zugängliche Seiten ausweichen, teils die Kontrollen austricksen, etwa mit simplen Werkzeugen wie VPN-Diensten. So macht es jedenfalls die Mehrheit der betroffenen Minderjährigen in Australien. Hinzu kommt: Einige Gefahren für junge Menschen, etwa Cybermobbing oder das Verbreiten intimer Aufnahmen, geschehen oftmals unter Gleichaltrigen. Alterskontrollen ändern daran nichts.

Selbst Befürworter*innen von Social-Media-Verboten und Alterskontrollen pochen aus diesen Gründen auf ein umfassendes Schutzkonzept. Dazu gehören etwa sicherere Designs auf Plattformen wie TikTok und Instagram, auch gegen Lobby-Widerstände, sowie ein Hilfesystem, das Personal und Geld kostet. Verbote sind dagegen billig zu haben – und diesen Weg hat Frankreich eingeschlagen.

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2. Es ist falsch, weil Alterskontrollen alle gefährden

Noch ist nicht beschlossen, welche Methoden der Alterskontrolle in Frankreich zum Einsatz kommen sollen. Gerade bei Verpflichtungen für Plattformen kann Frankreich das EU-Recht in die Quere kommen, zumindest wenn die Plattformen nicht freiwillig mitziehen. Es dürfte jedoch unwahrscheinlich sein, dass sich Social-Media-Plattformen komplett verweigern – zu viele Staaten haben bereits ähnliche Regulierungen eingeführt oder arbeiten daran. Jüngst hat die EU zudem eine Alterskontroll-App („Mini-Wallet“) vorgestellt, die EU-weit zum Einsatz kommen soll.

Nach wie vor gibt es jedoch keine Technologie, die den hohen Ansprüchen an Alterskontrollen genügen könnte. Durch die Bank weg fordern Befürworter*innen von Alterskontrollen Methoden, die sowohl genau und robust als auch datensparsam und diskriminierungsfrei sind, aber beides zusammen geht nicht.

Selbst vorbildlich umgesetzte Alterskontrollen schaffen einen potenziell gefährlichen Kontroll-Apparat. Einmal eingeführt, bräuchte eine solche Infrastruktur nur noch zwei verschärfende Updates – ein technisches und ein juristisches – und fertig ist der Apparat für Massenüberwachung. Auch der Deutsche Ethikrat hat eindringlich vor Missbrauch der Technologie gewarnt.

Es drohen etwa Ausweispflicht oder Klarnamenpflicht; sie könnten leicht missbraucht werden und bedrohen freie Kommunikation im Netz. Entsprechende Begehrlichkeiten liegen zumindest nahe, autoritäre Parteien werden in Europa zunehmend mächtiger. Schon heute gibt es erste Rufe nach einem möglichen Verbot von VPN-Diensten.

3. Es ist falsch, weil es bessere Lösungen gibt

Zum Schutz junger Menschen in der digitalen Welt gibt es Dutzende teils sehr ambitionierte Ansätze. Allein das interdisziplinäre Gremium aus deutschen Fachleuten hat 56 Empfehlungen ausgearbeitet. 54 davon handeln nicht von Social-Media-Verbot und Alterskontrollen.

Es geht unter anderem um sicherere Räume und ums Ende von suchtfördernden Mechanismen und manipulativen Designs. Zum Beispiel sollen Plattformen keine Push-Benachrichtigungen, keine personalisierten Feeds mit schier unwiderstehlicher Sogwirkung und kein Endlos-Scrolling nutzen. Tech-Konzerne dürften sich mit Händen und Füßen dagegen wehren.

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Es geht auch um niedrigschwellige Werkzeuge für elterliche Kontrolle. Um menschliche Fürsorge durch ein Hilfesystem mit geschulten Ansprechpersonen von der Schwangerschaft über die Kita bis hin zur Schule – das ist kostspielig. Unter all den Optionen ist keine so gefährlich für Grundrechte und zugleich so billig zu haben wie Zugangsverbote und Alterskontrollen.

4. Es ist falsch, weil es nicht EU-weit ausgehandelt wurde

Sowohl Befürworter*innen als auch Kritiker*innen von Social-Media-Verboten haben sich immer wieder für EU-weite Lösungen ausgesprochen. Nicht zuletzt durch Gesetze wie DSA und DMA haben sich EU und Mitgliedstaaten auf eine EU-weite Plattformregulierung verständigt. Das schützt vor Zersplitterung und jahrelangen Rechtsstreits. Die EU-Kommission hat sogar für Herbst einen eigenen Vorschlag angekündigt.

Präsident Emmanuel Macron, der zur nächsten Präsidentschaftswahl 2027 nicht mehr antreten darf, hatte das französische Social-Media-Verbot jedoch zur Chefsache gemacht. Anscheinend will er sich damit ein politisches Erbe setzen und Frankreich als Vorreiter inszenieren.

5. Es ist falsch, weil es den falschen Fokus setzt

Nachrichtenmedien in Frankreich, Deutschland und vielen anderen Ländern werden nun mit Tunnelblick über das Verbot bis 15 Jahre berichten. Seit Monaten gelingt es nicht, die internationale Debatte von dieser einen Maßnahme zu lösen. Expert*innen werden in Interviews vor allem dazu befragt, wie sie das Verbot bewerten. Auch Umfragen in der Bevölkerung kreisen immer wieder um diese eine Frage. Politik und Medien bestärken sich gegenseitig in dieser Fixierung.

Es ist ein wertvolles Momentum, dass Kinder- und Jugendschutz im Netz gerade in vielen Staaten weit oben auf der Tagesordnung steht. Aber die Debatte kreist um technische Lösungsversuche, die schweren Schaden anrichten könnten. Aus dem Blick geraten dabei dringend notwendige Maßnahmen gegen die ausbeuterischen Praktiken von Tech-Konzernen, die ohne Rücksicht aufs Wohlbefinden ihrer Nutzer*innen Aufmerksamkeit bündeln und daraus maximalen Profit schlagen.

Und es gerät auch aus dem Blick, dass junge Menschen statt Verboten vor allem Fürsorge von Eltern, Aufsichtspersonen und Pädagog*innen brauchen sowie gute Optionen für altersgerechte Beschäftigung.

Über die Autor:innen

  • Sebastian Meineck

    Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize.

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    Foto: Philipp Sipos


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6 Kommentare zu „Frankreich wählt den falschen Weg“


  1. Dimensionalität$

    ,

    1. Zweischneidig. Manche Sachen werden nicht in realistischer Zeit gelöst. Jugendschutzsoftware und die Förderung freier Infrastruktur bzw. Betriebsmittelseite, damit Eltern damit klarkommen, wären besser. Schulen u.a. sollten eigene Administration und Anlaufstellen haben. Die Kriterien sind schwer zu setzen, wenn es um Vorschläge geht. Man kann ETWAS machen, aber der Effekt, auch unter denkbarer subtiler Gegenwehr der Konzerne, bleibt ungewiss.
    2. 100%. Alterskontrollen richtig zu machen, bedeutet Sachen besser oder sogar sinnvoll zu machen, bei Digital und sogar Internet. Ist die Basis dafür gegeben?
    3. Ist das nicht utopisch? Wurden bessere oder auch nur gute Ansätze bzg. des Internets bisher gewählt? So und so. Die guten wurden verwässert, wenn sie nicht schon früh im Sumpf weg waren.
    4. Zur Merkel-Era die „Ausrede Nr. 1“ nicht zu handeln. Es ist allerdings jetzt zur geopolitisch offensichtlichen Notwendigkeit geworden. Dem steht gegebenenfalls die Lobbyanfälligkeit, und kontrollfreundliche EU-Staaten.
    5. Fair enough.

    Oder es führt dazu, dass in Europa Lobbying letztlich noch mal reglementiert wird. Wissenschaftlicher Dienst wäre nett. Beschweren wir uns darüber, dass Frankreich sich als einziges Land strategisch aufstellt? Am Ende nörgeln wir darüber, dass Geld in Bildung und nicht in GMAFIA fliest. Das Problem mit Social Media ist eben auch die Gewöhnung an ein toxisches Informationsumfeld, welches unbegleitet problematisch bleibt, bei mangelnder Einschätzungsfähigkeit. Dem steht gegenüber das Tracking bis auf die Person, oder zumindest bis auf die Anfälligkeit hin, sowie das Kontrollieren von Themen und Sichtbarkeit. Die Konzerne mischen überall auf der Welt politisch mit, schlimmer noch im eigenen Land, und sind längst geopolitische Player. Daher verstehe ich nicht, wie man auf das Implementieren einer Lösung hoffen kann. Was sollen da die Metriken sein?


  2. Verhältnismäßigkeit weicht zugunsten der Vertretbarkeitskontrolle.

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    Es ist richtig, weil Kinderschutz und die Annahme des franzözischen Gesetzgebers nicht evident widerlegt werden kann. Es wird Einzelfälle geben, wo es hilfreich sein wird und daher ist es vertretbar.


    1. Gesprochen wie ein(e) Richter(in) am Bundesverfassungsgericht. Rede, Bruder. Rede.


  3. Anonym

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    Ich frage mich nur , wie lange VPNs & Co wohl noch eine Option bleiben werden, um das zu umgehen, wenn man sieht, in wie vielen Ländern sich dieser „Jugendschutz„Irrsinn inzwischen ausbreitet.
    Zumal es abzusehen ist, dass auch der Rest der EU auf diesen Zug aufspringen wird. Und leider (muss man in dem Fall sagen) sind das viele Länder.

    Es dürften sich dann wohl über kurz oder lang irgendwelche neuen Tricks etablieren


  4. Anonym

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    Ich kann das politisch ganz ehrlich überhaupt nicht nachvollziehen, wozu es da nun entsprechende Gesetze benötigt.

    Ist das nicht ganz individuell komplett Sache des Elternhauses, wann es erlaubt wird, dass sich Minderjährige Konten bei Social Media Unternehmen anlegen dürfen?

    So gäbe es erst gar keinen politischen Bedarf an diesbezüglichen Gesetzen.

    Wenn Eltern meinen ab 12 Jahren ist in Ordnung und andere der Meinung sind ab 16 Jahren kanns erst losgehen, ist das doch die freiheitlichste und vernünftigste Option diese Entscheidungen allein den Erziehungsberechtigten zu überlassen.

    Langsam bekomme ich auch das Gefühl, es geht politisch als Ziel hierbei in Wahrheit nur noch um die Ausweispflicht für alle, denn die dazugehörige Argumentation wirkt total absurd und sehr weit hergeholt.


  5. Bit-te-1-Bit und das gute XUNIL

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    „weil Kinderschutz und die Annahme des franzözischen Gesetzgebers nicht evident widerlegt werden kann. “

    Den Kinderschutz an sich muss man nicht widerlegen, aber die Methoden, die laut Politik zu ihm führen sollen, die kann man nicht nur widerlegen – sie sind es längst, wie viele Artikel hier zeigen.

    Im Übrigen sollten Gesetze(sentwürfe) nicht auf „Annahmen“, sondern auf bewiesenen Fakten basieren. Aber gerade an denen fehlt es in Sachen „Sinn der Methoden für sinnvollen Kinderschutz“ gewaltig.

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